Experteninterview
07,03,22

Ein Baby zweisprachig aufziehen: 5 Tipps von Rebeca Imberg

Da sich heutzutage immer mehr Eltern fragen, wie man ein Kind am besten zweisprachig aufziehen sollte, dreht sich im Experteninterview von Paul und Lori heute alles um das Thema "Bilinguale Erziehung". Wann sollte man mit einer mehrsprachigen Erziehung starten, welche Profi Methoden gibt es und worauf sollte man unbedingt achten?! Unsere Interviewpartnerin Rebeca Imberg machte 2019 ihren Master Abschluss an der Universität Bochum und ist seitdem Referentin für Mehrsprachigkeit. Darüber hinaus berät sie mehrsprachige Familien mit verschiedenen Sprachkombinationen und gibt Workshops für Familien und Pädagogen. In unserem Experteninterview hat sie super viele tolle Tipps für junge Eltern mit unterschiedlicher Muttersprache, im Ausland lebende gleichsprachige Eltern und noch so viel mehr!

Hallo Rebeca. Vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Interview nimmst. Es freut mich, dass wir heute zusammen über das Thema “Mehrsprachigkeit in der Erziehung und dem Familienalltag” sprechen werden und wir sind schon super gespannt auf deine 5 Tipps, die du uns heute mitgebracht hast. Stell dich doch zum Anfang einfach ganz kurz vor. Wer bist du und was machst du genau?

Hallo Paul und Lori und danke für die Einladung zum Interview! Es freut mich, dass ich heute hier sein darf. Mein Name ist Rebeca Imberg und ich bin studierte Sprachwissenschaftlerin an der Universität Bochum mit dem Fokus auf Mehrsprachigkeit im Kindesalter und Family Language Policy. Gebürtig komme ich aus Costa Rica, aber lebe inzwischen schon seit über 12 Jahren hier in Deutschland. Ich bin selbst Mutter von zwei zweisprachig und bikulturell aufwachsenden Kindern und somit auch privat mittendrin in diesem spannenden Thema. Meine Tochter ist jetzt schon sechs Jahre alt und mein Sohn vor kurzem sechs Monate geworden.

 

Was bedeutet für dich “Family Language Policy”?

Family Language Policy (auf deutsch “Familiensprachpolitik”) ist die Regelung des Sprachgebrauchs in der Familie. So wie die Politik in einem Land bestimmt, welche Amtssprache es gibt und wie aus sprachlicher Sicht die offizielle Kommunikation der staatlichen Behörden ist, so regelt die Family Language Policy den Sprachgebrauch auf der Mikroebene in der Familie. Was denken Familien über Sprachen? Wie organisieren sie Sprachen? Wer spricht mit wem in welcher Sprache? Welche Regeln gibt es in der Familie für den Sprachgebrauch? Oder welche Änderungen nehmen Familien je nach Entwicklungsstand der Kinder und den Veränderungen in der Familiendynamik vor?

 

Wie bist du dazu gekommen, dich mit dem Thema “Family Language Policy” zu beschäftigen?

Ich beschäftige mich seit meiner Masterarbeit intensiv mit dem Thema Mehrsprachigkeit in der Familie bzw. damit Kinder zweisprachig aufzuziehen. Auch weil ich damals selbst schon ein zweisprachiges Kind hatte, interessierte ich mich sehr für dieses Thema und erforschte in meiner Masterarbeit die Mehrsprachigkeit im Kindesalter ausführlich. Ich habe dabei schnell gemerkt, dass viele zweisprachige Kinder ihre beiden Sprachen zwar perfekt verstehen können, jedoch meist nur eine Sprache aktiv sprechen. In meinen Untersuchungen bin ich dann auf die Theorie der Family Language Policy gestoßen und habe mich direkt für die verschiedenen Denkansätze der Familiensprachpolitik begeistert.

 

Für wen kann es interessant sein das eigene Baby zweisprachig aufzuziehen?

In der Regel ist frühkindliche Zweisprachigkeit für drei Familiengruppen ganz besonders wichtig. Als erstes für Familien, in denen ein Elternteil eine andere Muttersprache als die Umgebungssprache hat. Dazu gehört auch meine eigene Familie, denn ich selbst komme aus Costa Rica und meine Muttersprache ist Spanisch, während mein Mann in Deutschland geboren ist und Deutsch spricht. Sowohl für mich, als auch für meinen Mann ist es wichtig, dass unsere Kinder zweisprachig aufwachsen und später beide Sprachen beherrschen. Zur zweiten Familiengruppe, die sich bereits in den ersten Lebensjahren mit dem Thema Bilingualität von Kindern auseinandersetzt, zähle ich Familien mit Migrationshintergrund. Hier sind vielleicht sogar beide Elternteile in Deutschland geboren und aufgewachsen, jedoch möchten die Eltern gerne ihr sprachliches und kulturelles Erbe an die Kinder weitergeben. Zur dritten Familiengruppe zählen Eltern, die ihr Kind von Geburt an gerne zweisprachig aufziehen möchten, selbst jedoch nicht Muttersprachler der Zielsprache sind. Dieser letzte Familientyp muss individuell analysiert werden, da viele Linguisten und Sprachtherapeuten sich gegen diese Art der zweisprachigen Erziehung aussprechen. Ich persönlich glaube jedoch, dass mit einer zur individuellen Situation passenden Methode und Strategie, auch in diesem Fall eine mehrsprachige Erziehung möglich ist.

 

Rebeca Imberg ErfahrungenFoto: Sprachwissenschatlerin Rebeca Imberg teilt ihre Erfahrungen

5 Tipps zur Mehrsprachigkeit in der Familie von Rebeca Imberg

Was sind deine fünf Tipps für Eltern, die das eigene Baby gerne zweisprachig aufziehen möchten?

Tipp
Tipp 1
Nutze die ersten Lebensjahre aus

Die ersten Lebensjahre bilden die Grundlage für eine erfolgreiche zweisprachige Erziehung von Kindern. Das bedeutet zwar nicht, dass es unmöglich ist auch später damit anzufangen oder dass Kinder als Teenager nicht mehr mehrsprachig werden können, sondern nur, dass es für dein Kind einfacher ist zwei Sprachen zu lernen, wenn ihr bereits in den ersten Lebensjahren damit startet. Wissenschaftler haben übrigens herausgefunden, dass Babys sogar schon im Mutterleib die Sprache der eigenen Mutter wahrnehmen können und auf die vertraute Stimme nur wenige Stunden nach der Geburt positiv reagieren. Der Lernprozess fängt somit also schon vor der Geburt an. Wenn du dich bereits von Geburt an daran gewöhnst in einer bestimmten Zielsprache mit deinem Baby zu kommunizieren, die NICHT eure Umgebungssprache ist, dann hat dein Kind die besten Voraussetzungen in der Zukunft aktiv diese Zielsprache anzuwenden.

 

Tipp
Tipp 2
Sprich mit deinem Baby

Interaktion ist für Babies die beste Form Sprachen zu erwerben. Manchmal kommen Eltern zu meiner Beratung, um sich zu vergewissern wie sie ihre Kinder mehrsprachig erziehen können. Sprache ist allgegenwärtig. Sie begegnet uns nahezu in jeder Alltagssituation und somit ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, unseren Kindern einen bewussten sprachlichen Input zu geben. Diese natürliche Form einer alltagsintegrierten Mehrsprachigkeit ist bei Babys hervorragend. Alles was wir tagsüber erleben wie z.B. das Windeln wechseln, Füttern, Baden, Spielen oder Spazieren können von uns als Eltern beschrieben oder kommentiert werden und bieten uns so eine exzellente Interaktionsmöglichkeit. Wenn wir mit unseren Babys sprechen, merken wir, wie sie reagieren und auf ihre eigene Art mit uns kommunizieren; mit einem Lächeln, mit Geräuschen oder sei es nur die Art wie sie uns bestaunen und unseren Lippen folgen. Diese ersten linguistischen Fähigkeiten liefern die Grundlage der verbalen Produktion. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Mehrsprachigkeit!

 

Tipp
Tipp 3
Nutze die Vorteile von einem klaren Family Language Plan

Struktur in einer mehrsprachigen Familie ist sehr wichtig. Wir nennen das fachlich “Language Practices”. Welche Methode wird die Familie benutzen? Was sind meine Ziele in den verschieden Sprachen? Möchte ich, dass meine Kinder alle Sprachen verstehen, sprechen, lesen und schreiben können oder reicht es mir, dass sie die anderen Familienmitglieder verstehen? In der Wissenschaft gibt es vier übliche Methoden, um Babys mehrsprachig aufzuziehen. Ich beschreibe sie euch nachfolgend kurz.

One Parent - One Language (OPOL)
Ein Elternteil - Eine Sprache

In dieser Methode spricht jeder Elternteil seine eigene Muttersprache mit dem Kind. Die OPOL Methode ist die bekannteste Methode, obwohl sie nicht unbedingt als die beste und einzige Methode gelten muss. Der Vorteil bei “One Parent - One Language” ist, dass die Eltern sich nur auf ihre eigene Sprache konzentrieren und das Kind relativ schnell weiß, mit wem es welche Sprache sprechen soll. Der Nachteil ist jedoch, dass der Input in der Minderheitensprache, also der Sprache, die NICHT in der Gesellschaft gesprochen wird, wenig Input bekommt und die Kinder sehr schnell dazu tendieren können NUR auf der Umgebungssprache zu antworten.

Minority Language at Home (ML@H)
Zu Hause nur die Minderheitensprache

Bei der ML@H Methode sprechen alle Familienmitglieder die Minderheitensprache als Familiensprache. Diese Methode wird häufig verwendet, wenn beide Eltern die gleiche Muttersprache haben, aber in einem anderen Land leben. Viele Eltern haben Angst, dass die Kinder später die Umgebungssprache in der Gesellschaft nicht perfekt beherrschen können und dem Kind dadurch Nachteile entstehen könnten, aber das gilt als eine der größten Mythen in der Mehrsprachigkeit. Tatsächlich ist es sogar eine sehr erfolgreiche Methode, um aktive zweisprachige Kinder aufzuziehen. Zum Beispiel haben wir uns in meiner eigenen Familie bei meiner ersten Tochter auf die OPOL Methode konzentriert, aber bei der Geburt von meinem kleinen Sohn haben wir auf die ML@H Methode gewechselt und sprechen nur noch Spanisch zu hause, auch mein deutscher Mann. Warum? Weil ich weiß, wie schwierig es ist, dass auch das zweite Kind die Minderheitensprache aktiv spricht, gerade dann, wenn das ältere Geschwisterchen bereits eingeschult ist.

Time and Place
Zeit und Ort

Bei der “Time and Place” Methode, kann die Familie einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit auswählen, in der sie die eine oder die andere Sprache verwenden. Z.B. wenn Eltern selber zweisprachig sind, kann vormittags die eine Sprache gesprochen werden und Nachmittags nur die andere Sprache. Das klingt für dich vielleicht erstmal komisch, aber wenn das Kind mit der Zeit versteht, dass die Mama immer außerhalb der Wohnung, oder bei bestimmten Routinen, die Sprache X spricht, weiß es genau, welche Sprache in der bestimmten Situation verwendet werden soll. 

Mixed Language Families
2 Eltern - 2 Sprachen

Bei der “2 Eltern - 2 Sprachen” Methode sprechen beide Elternteile in beiden Sprachen auf eine natürliche Art und Weise miteinander und mit dem Kind. Das kann eine gute Strategie sein, wenn die Familie selbst in einer bilingualen Gesellschaft, wie in Brüssel, Quebec, Miami, etc. wohnt und somit mit beiden Sprachen im Alltag regelmäßig konfrontiert wird. Ich empfehle diese Methode jedoch am wenigstens, da Eltern in der Regel in einer monolingualen Gesellschaft wie Deutschland oder Österreich leben und sich somit nur wenig Möglichkeiten für den automatischen Wechsel in die Minderheitensprache ergeben. Das könnte mit der Zeit dazu führen, dass das Kind diese Sprache nicht oder viel seltener verwendet und diese dadurch auch in der Zukunft nicht mehr aktiv selbst spricht.

 

Tipp
Tipp 4
Habe keine Angst

Hab’ keine Angst davor, dass du dein Kind überforderst oder es später durch die Mehrsprachigkeit Nachteile gegenüber monolingualen Kindern haben könnte. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sich zweisprachige Kinder genauso schnell entwickeln wie einsprachige. Sie erreichen dieselben Meilensteine im selben Tempo, nur eben, dass sie zwei Sprachsysteme haben und in den ersten Lebensjahren noch ab und zu Wörter von beiden Sprachen nutzen. Wichtig für euch ist, einen Family Language Plan und eine Struktur zu finden, die zu euch und euren individuellen Bedürfnissen am besten passt.

 

Tipp
Tipp 5
Informiere dich über das Thema Family Language Policy

Das Allerbeste, was wir tun können, um unsere Kinder beim Erlernen von mehreren Sprachen zu begleiten und zu unterstützen, ist uns über das Thema “Mehrsprachigkeit im Familienalltag und der Erziehung” gut zu informieren. Für viele junge Eltern wird dieses Thema in der Familie jedoch komplett neu sein und es kann immer wieder zu Rückfragen von Oma, Opa, Verwandten oder Freunden kommen, besonders dann, wenn diese bisher noch keine Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit in der Familie sammeln konnten. Es ist eigentlich wie bei allem im Leben: Je mehr du dich über das Thema informierst, desto verständlicher wird dieses Thema auch von deinen Freunden und Familie aufgenommen. Über eure Tipps freuen sie sich dann bestimmt!

 


Weitere Informationen zu Rebeca Imberg findest du hier:

Webseite: www.bilikids.de
Facebook: Bilikids Deutschland
Instagram: @bilikids_de
LinkedIn: Rebeca Imberg

 

Quellen und Literatur:

Piller, Ingrid. (2001): Private language planning: the best of both worlds? Estudios de Sociolingüística 2. Pp. 61-81

King, K. A., Fogle, L. (2006): Bilingual parenting as good parenting: Parents’ perspectives on family language policy for additive bilingualism. International Journal of Bilingual Education and Bilingualism, 33, pp. 167-184.

Grosjean, Francois. (1982): Life with two languages: An introduction to bilingualism. Harvard University Press.

De Houwer A. (1999): Environmental factors in early bilingual development: The role of parental beliefs and attitudes. En G. Extra & L. Verhoeven (eds.). Bilingualism and migration, 75-96.

Mouton de Gruyter. Berlin & New York De Houwer A. (2009): Bilingual first language acquisition. Clevendon: Multilingual Matters (Western Sidney University in Australien, 2016)

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